Ein musikalischer Gedanke für den Abend
Manche musikalischen Ideen begleiten mich schon sehr lange, ohne dass aus ihnen eine fertige Veranstaltung wird. Mondscheinsingen ist so eine Idee.
Anders als bei meinen Familienkonzerten geht es dabei weniger darum, die Türen zum Musikunterricht zu öffnen und den Eltern zu zeigen, was die Kinder dort bereits entdeckt, gelernt und gestaltet haben. Vielmehr stelle ich mir einen gemeinsamen musikalischen Tagesausklang vor: ruhig werden, Gedanken ziehen lassen, zurückblicken, zuhören, singen – und den Tag langsam hinter sich lassen. Das Mondscheinsingen liegt vielleicht sogar eher in meinem eigenen Wunsch begründet, am Ende eines turbulenten Tages ein bisschen mehr Ruhe aufkommen zu lassen und den Fokus auf das Hier und Jetzt zu legen.
Ein gemütlicher Raum mit Kissen und Decken, gedämpftes Licht, große und kleine Menschen, die zusammensitzen. Vielleicht eine Gitarre oder eine Harfe. Dazwischen nur einzelne, ganz feine Klänge von Glöckchen oder Koshi. Kein Konzert im eigentlichen Sinne. Eher ein musikalisches Abendritual – und vielleicht auch mein ganz eigenes Bedürfnis nach ein bisschen mehr Stille.
Als meine eigenen Kinder kleiner waren, gehörte Musik ganz selbstverständlich zu unseren Abenden und zum Einschlafritual. Ich habe vorgesungen, Gitarre gespielt und manchmal beim Singen mit meinen Händen kleine Wege und Bilder auf ihren Rücken gemalt. Wir haben gemeinsam gesungen und den Tag Revue passieren lassen.
Musik hatte in diesen Augenblicken keinen pädagogischen Auftrag zu erfüllen. Sie musste nichts leisten und niemand musste etwas lernen. Sie war einfach da. Und vielleicht liegt gerade darin etwas besonders Schönes.
„Steht ein goldner Mond am Himmel,
scheint auf meine kleine Welt,
und ich frag mich, ist er einsam,
dort allein am Himmelszelt?“
Auszug aus dem „Lied vom Mond“ · TINGELI
Bei einem solchen Abendritual steht musikpädagogisches Lernen natürlich nicht im Vordergrund. Trotzdem passiert musikalisch eine ganze Menge – eher nebenbei, eingebettet in das gemeinsame Erleben und manchmal beinahe unbemerkt.
Gerade eine ruhige musikalische Umgebung lenkt die Aufmerksamkeit auf Feinheiten: auf Tonhöhe, Stimmklang, Artikulation, Dynamik, melodische Bewegung, Nachklang und Stille. Kinder erleben unmittelbar, dass ein Ton nicht einfach nur „da“ ist. Er kann schweben, getragen werden, heller oder dunkler klingen, sich verändern und schließlich verschwinden.
Wiederkehrende Melodien und kleine musikalische Figuren unterstützen zugleich das melodische Gedächtnis und die tonale Orientierung. Kinder beginnen, musikalische Verläufe vorauszuahnen, erkennen vertraute Wendungen wieder und entwickeln nach und nach ein Gefühl dafür, wie eine Phrase beginnt, wohin sie sich bewegt und wann sie zu einem Abschluss findet.
Auch Sprache wird beim Singen anders wahrgenommen als beim Sprechen: Silben bekommen Länge, Rhythmus und Tonhöhe, Vokale werden Klangmaterial und einzelne Wörter erhalten durch die Melodie eine besondere musikalische Gestalt. Solche Lernprozesse müssen nicht erklärt werden, um stattfinden zu können.
Ein Lied, das für mich schon lange zu dieser Vorstellung gehört, ist mein Schlaflied „Klopf doch mal beim Mann im Mond“. Behutsam von klassischer Gitarre und Harfe getragen, erzählt das ruhige Lied vom Mann im Mond, der in seinem silbergrauen Häuschen sitzt und Kakao trinkt. Um die Laternen am Himmel anzuzünden, steigt er auf seine lange Leiter und stimmt schließlich sein Schlaflied an.
Das Motiv des „Luna, Luna, Luna Lu“ braucht eigentlich kaum noch Worte. Aus der kleinen melodischen Figur können durch Wiederholung, versetzte Einsätze, gehaltene Töne und frei geführte Stimmen ganz unterschiedliche vokale Klangflächen entstehen.
Die kleine melodische Figur lässt sich wiederholen, von einer anderen Stimme aufnehmen, versetzt einsetzen oder frei weiterführen.
Werden solche kleinen vokalen Motive auf mehrere Stimmen verteilt oder frei miteinander kombiniert, kann aus wenigen Tönen nach und nach ein mehrstimmiger Klangteppich entstehen. Nicht als kompliziertes Chorarrangement, sondern ganz elementar: Eine Stimme beginnt, eine zweite kommt hinzu, eine andere hält einen Ton oder findet eine eigene Antwort.
Musikpädagogisch steckt darin erstaunlich viel. Kinder erproben ihre Stimme, hören musikalische Zusammenhänge, orientieren sich innerhalb eines Tonraums, erkennen und verändern Muster und erleben erste Formen von Mehrstimmigkeit und Improvisation. Sie reproduzieren nicht ausschließlich Vorgegebenes, sondern dürfen musikalisches Material aufnehmen und selbst damit weiterdenken.
Gerade diese Verbindung aus Wiedererkennen und Erfinden gehört für mich zu den schönsten Seiten elementarer Musikpädagogik: Eine kleine musikalische Idee gibt Halt – und gleichzeitig genug Freiheit, daraus etwas Eigenes entstehen zu lassen.
Bei einem Mondscheinsingen, in dem sich mehrere Stimmen zusammenfinden, stelle ich mir die instrumentale Begleitung ganz bewusst zurückhaltend vor. Eine Gitarre oder Harfe kann den Gesang tragen, während Glöckchen, Koshi oder einzelne Klangstäbe nur kleine Farbtupfer setzen.
In meinem „Mann-im-Mond“-Lied gibt es einzelne aufsteigende Töne, die die Sterne am Himmel symbolisieren. Ein Kind spielt vielleicht nur einen einzigen Ton und wartet anschließend, bis er verklungen ist. Ein anderes lässt ein Glöckchen ganz am Ende erklingen.
Auch das ist musikalische Gestaltung: hören, auswählen, einsetzen und wieder loslassen. Ein Klang bekommt Bedeutung, gerade weil nicht ständig ein neuer folgt. Pausen und Nachklang werden Teil der Musik.
Gerade diese Reduktion reizt mich auch künstlerisch: Stimme, eigene Komposition und Arrangement, kleine improvisierte Klangflächen und wenige bewusst gewählte Instrumentalfarben reichen aus, um eine ganz eigene musikalische Abendwelt entstehen zu lassen.
Ob aus meiner Idee vom Mondscheinsingen irgendwann tatsächlich eine Veranstaltung wird, weiß ich nicht. Vielleicht passt sie am Ende sogar besser nach Hause als in einen Veranstaltungsraum – dorthin, wo nach dem letzten Lied keine Jacken mehr angezogen und keine Autos mehr gestartet werden müssen.
Vielleicht darf sie deshalb zunächst einfach das bleiben, was sie schon seit vielen Jahren ist: eine musikalische Idee, die ich sehr mag. Eine Vorstellung davon, dass Musik einen Tag nicht nur füllen und beleben, sondern ihn auch behutsam wieder loslassen kann.
Wenn der letzte Ton verklingt …
Im digitalen Musikzimmer zeigt sich die Idee von Gesang und Klang am Abend in unserem Liederkoffer und dem Kapitel „Mondscheinsingen“. Dort finden sich Lieder, Hörbeispiele und kleine musikalische Gestaltungsimpulse, die den Tag ausklingen lassen und dazu einladen, von Mond und Sternen zu singen.

